Legendenerzähler
May 29, 2026 at 7:49:23 AM
Früher hatte er einen ganz normalen Namen. Einen Job auch. Und ein kleines Reihenhaus am Stadtrand, mit einer Hecke, die er nie ganz gerade geschnitten bekam. Seine Frau hat ihn dafür aufgezogen, sein Kind hat darüber gelacht. Es war dieses helle, klare Kinderlachen, das sich in Wänden festsetzt.
Der Alf kam an einem verregneten Samstag ins Haus.
Ein Flohmarkt, schlechte Laune, nasse Schuhe. Und dann dieses schief grinsende, braune Kuscheltier mit den großen Augen.
„Der sieht aus wie du“, hatte seine Frau gesagt.
„Nein!“, hatte das Kind gerufen. „Der ist viel lustiger!“
Der Alf bekam sofort einen Namen, wurde mit an den Tisch gesetzt, bekam imaginäres Essen und wurde abends unter den Arm geklemmt. Für das Kind war er kein Spielzeug – er war ein Freund. Einer, der nie müde wurde, nie schimpfte und immer zuhörte.
Und er?
Er hatte sich damals noch darüber lustig gemacht.
Die Nacht des Brands roch zuerst nur nach etwas Angebranntem.
So ein Geruch, bei dem man denkt: „Ach, wird schon nichts sein.“
Bis es plötzlich nicht mehr „nichts“ war.
Flammen haben eine seltsame Art, Räume zu füllen. Schnell. Laut. Endgültig.
Er erinnert sich später nur noch an Bruchstücke: Schreie, Hitze, das Knacken von Holz. Und an diesen einen Moment, in dem er ins Kinderzimmer stürzte.
Es war schon zu spät.
Aber auf dem Bett lag noch etwas.
Der Alf.
Er griff ihn einfach. Reflex. Instinkt. Vielleicht auch, weil es das Einzige war, was noch greifbar war aus einer Welt, die gerade in sich zusammenfiel.
Als er wieder draußen war, barfuß, hustend, mit verbrannten Händen – hatte er nur noch dieses eine Ding im Arm.
Und nichts mehr dahinter.
Man sagt oft, Menschen verlieren alles.
Aber das stimmt nicht.
Irgendetwas bleibt immer.
Bei ihm war es dieser zerfledderte, rußige Alf.
Die Jahre danach verschwimmen.
Behördengänge. Schlaflose Nächte. Alkohol, irgendwann. Zu viel davon. Menschen, die helfen wollten. Menschen, die irgendwann aufgehört haben, zu helfen.
Und er selbst?
Hat auch irgendwann aufgehört.
Nicht abrupt. Eher wie ein langsames Weggleiten.
Er verlor erst den Job, dann die Wohnung, dann die Fähigkeit, morgens noch einen Grund zu finden, aufzustehen. Übrig blieb nur Routine: gehen, sitzen, irgendwo schlafen.
Und immer dabei: der Alf.
Ihr habt ihn damals gesehen.
Auf der Straße. Mit dem zerzausten Bart, den zu großen Klamotten und diesem merkwürdigen Blick, der irgendwo zwischen hier und ganz woanders hing.
Und eben diesem Kuscheltier.
Natürlich habt ihr gelacht.
„Der Penner mit dem Alf.“
Er hat das gehört.
Klar hat er das gehört.
Und manchmal – ganz selten – hat er sogar zurückgegrinst.
Nicht, weil er den Witz so gut fand.
Sondern weil er sich vorgestellt hat, wie sein Kind gelacht hätte.
Manchmal hat er nachts mit dem Alf gesprochen.
Leise. So, dass es keiner hört.
Hat sich beschwert, dass das Wetter wieder schlecht ist.
Hat erzählt, dass er heute eine halbe Brezel gefunden hat.
Und manchmal hat er einfach nur „Gute Nacht“ gesagt.
Als würde irgendwo noch jemand antworten.
Und wenn man ganz ehrlich ist:
Vielleicht war er nicht einfach „der Penner mit dem Alf“.
Vielleicht war er ein Vater, der das Letzte festgehalten hat, was ihm geblieben ist.
Und der einfach nie gelernt hat, es wieder loszulassen.
Ein bisschen tragisch.
Ein bisschen absurd.
Und irgendwo dazwischen auch… menschlich.
Denn seien wir ehrlich:
Jeder hat doch seinen „Alf“.
Seiner war nur sichtbarer als der Rest.